Michael Becker SCHMUCK

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Michael Becker

oder die Schönheit der Geometrie

Goldplatten, Titanscheiben, Dolomitsteine, strenge, asketische Formen, klare Linien: selten kann ein erster Blick so trügerisch sein wie der, den man als Außenstehender auf ein Schmuckstück von Michael Becker wirft. Denn hinter der geometrischen Strenge, der ästhetischen Perfektion verbergen sich: Poesie und Leidenschaft, ja eine an Obsession grenzende Lust an der Schönheit.

Man könnte auch so sagen: die sichtbare Strenge ist die Konsequenz eines passionierten Drangs, eine kosmische Unordnung zu erfassen und das Chaos gleichzeitig zu bändigen; jede Bewegung anzuhalten und zugleich alles mögliche in Bewegung zu setzen. Statik und Dynamik sind bei Michael Becker ebenso wenig Gegensätze wie Künstlichkeit und Natur.

Er ist ein Meister der Übergänge, der Metamorphosen und Verwandlungen – und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sich fast seine ganze Arbeit an der Schnittstelle, auf dem schmalen Grat zwischen der Organisation und der Freisetzung von Energien konzentriert.

Kette  2011  Titan  475x20  mm

Kette 2011 Titan 475x20 mm

Brosche  2003  Gold  750  50x50  mm

Brosche 2003 Gold 750 50x50 mm

Armband  2007  Gold  750  Dolomit  182x24  mm

Armband 2007 Gold 750 Dolomit 182x24 mm

Von oben herab und hautnah

Einer im Anflug. Wie aus 10 000 Metern Höhe geraten schrundige Bergrücken, mäandernde Flussdeltas oder Siedlungsstrukturen in den Blick. 3 D-Modelle der Erde oder Spuren von Kometenbewegungen, Metamorphosen von Weltraumbildern und Miniaturen aus dem All – alles Topographien und durchaus nicht nur Phantasien.
Seit seinen Anfängen, seit den Broschen mit ihren von Goldblech umrahmten Räumen, die er auf der Grundlage von Palladio-Grundrissen entwickelte, hat sich Michael Becker dem Blick von oben verschrieben: von ganz oben herab, aus großer Distanz anzuschweben und riesige Landmassen in Miniaturrahmen zu fassen. Freilich so gekonnt, dass keiner auf die Idee eines kruden Verismus käme. Hier wird nicht kitschig nachgemacht, Natur verkleinert, gar verniedlicht. Im Gegenteil, die Reliefs und Faltungen, Gipfel und Täler entstehen erst wieder im Kopf des Betrachters. Das Schmuckstück, die blauen oder grauen oder grünen Steine, Lapislazuli, grauer Dolomit oder grüner Granat, sind allenfalls Katalysatoren, die Bilder in unseren Köpfen zum Leben erwecken und ihnen ein Geheimnis entlocken, das dem normalen Blick verwehrt ist.
Was für die Steine und Landschaften gilt, hat gleichermaßen Bedeutung für die Schwelle zwischen Stillstand und Bewegung.

Brosche  1987  Capra  Gold  750  18x18  mm

Brosche 1987 Capra Gold 750 18x18 mm

Brosche  2000  Gold  750  55x50  mm

Brosche 2000 Gold 750 55x50 mm

Brosche  2010  Gold  750  Lapislazuli  60x40  mm

Brosche 2010 Gold 750 Lapislazuli 60x40 mm

Brosche  1987  Capra  Gold  750  18x18  mm

Brosche 1987 Capra Gold 750 18x18 mm

Brosche  2000  Gold  750  55x50  mm

Brosche 2000 Gold 750 55x50 mm

Versteinerte Landschaften und bewegte Bilder

Flüssiger Dolomit, steinharte Ströme – wenn man mit glühender Lava arbeiten könnte, Michael Becker würde vermutlich nicht zögern, auch damit zu experimentieren, so sehr ist es ihm ein Bedürfnis, alle geometrische Statik wieder in Bewegung zu versetzen. Ihm selbst schwebt immer das Bild eines ins Trudeln geratenen Würfels vor, dessen unendlicher Kipp-, Fall- und Rollbewegung er am Modell aus Papier minutiös und in Zeitlupe folgt, wann immer er die Glieder seiner Ketten in kalkulierten Rhythmen oder asymmetrischen Aufhängungen aneinanderfügt.

In Zeitlupe verfolgt: denn viele seiner quadratischen oder rechteckigen, sanft gebogenen oder ganz leicht verdrehten Kettenglieder geraten – nicht erst am Arm, am Hals ihrer Trägerin – in Bewegung. Sie sind es bereits durch kleine, minutiös kalkulierte, rhythmisierte Verschiebungen in der Anordnung, so als ob da etwas in Bewegung gerät, niemals ins Stocken kommt, sondern fließt. Statischer, repräsentativer Schmuck, Geschmücktsein ist das Letzte, was Becker möchte. Freilich auch nichts Wildes, kein ungezähmt überschäumendes Driften: Alle Bewegungen sind gefasst, bleiben im Rahmen der Gesetze von Gravitation und Geometrie. Becker und der Liebe zur Schönheit der Geometrie muss ein kleines Kapitel dieser Mini-Ästhetik gewidmet sein. Man sieht ihn förmlich als einen Alchimisten der angewandten Kunst, über seine Zeichnungen und Papiermodelle gebeugt, minutiös, nicht kleinlich, das ist etwas ganz anderes, messend, vermessend. Aber immer auf der Suche nach einem Idealzustand, einem Moment, von dem er – vielleicht – ja doch wünschen würde, er bliebe stehen.

Armband  2011  Gold  750  Titan  195x26x7  mm

Armband 2011 Gold 750 Titan 195x26x7 mm

Armband  2010  Gold  750  Dolomit  180x28  mm

Armband 2010 Gold 750 Dolomit 180x28 mm

Kette  2011  Gold  750  437x9  mm

Kette 2011 Gold 750 437x9 mm

Armband  2011  Gold  750  Titan  195x26x7  mm

Armband 2011 Gold 750 Titan 195x26x7 mm

Armband  2010  Gold  750  Dolomit  180x28  mm

Armband 2010 Gold 750 Dolomit 180x28 mm

Die Vermessung der Schönheit

Die Vermessung der Schönheit geschieht bei Michael Becker auf dem Hintergrund einer klassischen Schulung: Vitruv, Leonardo, L.B. Alberti – immer wieder sind es die großen, klassischen Ästhetiker der Renaissance, die er als Quellen angibt. Alles andere als sklavisch, eher selbstbewusst geht er  so mit ihnen um, dass das Mysterium des doppelten Quadrats (um nur eines der vielen Ordnungs- und Proportionierungssysteme zu nennen, mit denen er sich beschäftigt) und seiner mit dem Zirkel erfassten Ableitungen und ihrer geordneten  Proportionsverschiebungen wie seine artistische Weltformel erscheint. Die Quadratur der Schmuckkreation hat bei ihm etwas perfektionistisch Analytisches, was die Annäherung betrifft, und etwas spielerisch Leichtes, was die Resultate angeht. Im Laboratorium dieses ästhetischen Tüftlers geht es um Miniaturen, als ob es um die Welt ginge. Vielleicht geht es ja auch tatsächlich um das Schicksal der Welt, einer Welt, in der die Proportionen harmonisch aufeinander abgestimmt sind, wenn in der Münchner Artilleriestraße die Lage und der Neigungswinkel eines gebogenen Titanplättchens festgelegt werden. Die Geometrie der Schönheit kennt keine Kompromisse, nur Gesetzmäßigkeiten. Mit ihren Windungen und Wendungen gleichen manche seiner Schmuckstücke, sobald sie getragen werden, chromatischen Tonleitern, die Klänge wieder und wieder umspielen und modellieren – wer hätte gedacht, dass Ketten nicht nur bei jeder Bewegung im Licht funkeln, sondern klingen können? Sphärenklänge – na, gottlob ist alles doch nur ernstes, sehr ernstes Spiel. Dafür bürgt das Genre der angewandten Kunst, die ja immer zu den Menschen hin will. Ketten, Armbänder, Ringe jenseits der Menschen, der Trägerinnen, Besitzer und Benutzer gibt es eigentlich gar nicht. Und so ist es die Doppelbewegung, die Bewegung der Bewegung, die auch Beckers Artefakte erst zum Leben, zum wirklichen Leben bringt.

Kette  2000  Gold  750  445x7  mm

Kette 2000 Gold 750 445x7 mm

Brosche  1989  Gold  750  D  50  mm

Brosche 1989 Gold 750 D 50 mm

Brosche  1990  Gold  750  109x8  mm

Brosche 1990 Gold 750 109x8 mm

Lichtspiele und Farbwelten

Denn das eigentliche Medium der Verlebendigung der Preziosen und Artefakte ist das Licht: Reflexe, Schattierungen, Schatten, Bewegungen sind Elemente, die sogar die härtesten Materialien beleben können. Auch Beckers Farben, Lapislazuli aus Afghanistan, grauer Dolomit aus China, grüner Granat aus Sibirien und leuchtendes Rot, das nur als Pigment zu haben ist, nicht zu vergessen das Gold, dessen immer matt gefeilte Oberflächenstruktur er in allen Hell-Dunkel-Varianten v.a. als Farbe einsetzt, – bei der Wahl der Farben erlegt er sich strikte Beschränkung auf. Denn es ist ihm wichtig, dass auch die Farben materiell beständig sind; nicht etwa nur aufgemalt sind und ausbleichen können. Doch das einfallende Licht, die raffiniert konstruierten Überblendungen doppelter Ebenen lassen ebenso wie die exakt strukturierten Rahmungen der Räume und Farbsteine Lichtbahnen über die Steinlandschaften fallen, so, dass sie sich ständig verwandeln, bald hell aufscheinen, bald geheimnisvoll schimmern, zuweilen düster verglühen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Begriff des Gesamtkunstwerks nahezu automatisch mit der Vorstellung von Größe, ja Gigantomanie verbunden. Man könnte ihm hier abschließend eine andere Wendung geben und, auch wenn es etwas paradox klingen sollte, mit Blick auf Beckers Werke von Gesamtkunstwerken en miniature zu sprechen. Kleine Gesamtkunstwerke, die mit hochartifiziellen Mitteln mitten ins Leben zielen und sich selbst Botschaft genug sind. Keine Metaphern, keine Symbole, schon gar keine Mythen. Das Ding an sich, seine Idee, sein Sich-Materialisieren, sein Aufleben am Körper einer Trägerin sind Mysterium genug.

Nicht zuletzt sind Beckers Schmuckstücke, gerade weil sie mit jeder Bewegung, jedem Lichtwechsel ihrerseits Lichtsignale senden, auch so etwas wie Medien visueller und taktiler Kommunikation. In einer Welt inflationärer virtueller Bildüberflutungen ist solch eine phantasievolle Neuordnung der konkreten sinnlichen Erfahrbarkeit fast ein Politikum. Es geht um nichts Geringeres als um die Wiedereroberung der eigenen Wahrnehmung, der Materialität, der Dinglichkeit. Und so sind Michael Beckers Schmuckobjekte auch Instrumente im Kampf um Eigensinnlichkeit und eine hautnah erfahrbare Mystik der „Oberflächlichkeit“.

 

Jürgen Wertheimer und Cornelie Ueding

Brosche  1996  Gold  750  45x45  mm

Brosche 1996 Gold 750 45x45 mm

Brosche  1992  Gold  750  80x46  mm

Brosche 1992 Gold 750 80x46 mm

Ring  2011  Gold  750  rotes  Farbpigment  15x22  mm

Ring 2011 Gold 750 rotes Farbpigment 15x22 mm

Brosche  2010  Gold  750  Uwarovit  49x52  mm

Brosche 2010 Gold 750 Uwarovit 49x52 mm

Brosche  1996  Gold  750  45x45  mm

Brosche 1996 Gold 750 45x45 mm

Brosche  1992  Gold  750  80x46  mm

Brosche 1992 Gold 750 80x46 mm

    Michael Becker

    Biografie

    1958  Geboren in Paderborn

    1975-1982  Ausbildung und Tätigkeit als Gold- und Silberschmied

    1982-1987  Studium an der Fachhochschule Köln, Bildhauerei/ Edelmetallgestaltung Prof. Skubic

    Seit 1988  Eigenes Atelier in München

    Seit 1987  Einzel- und Gruppenausstellungen in Europa
    und USA

    Auszeichnungen

    1987  Förderpreis, Schmuck 87, München

    1988  Herbert-Hoffmann-Preis, München

    1994  Herbert-Hoffmann-Preis, München

    1995  Danner-Ehrenpreis, München

    1997   „In neuer Reihung“ Friedrich Wilhelm Müller-Wettbewerb,     Schwäbisch Gmünd

    2002  Bayerischer Staatspreis IHM, München

    2017  Friedrich-Becker-Preis, Düsseldorf

    2017  Danner-Ehrenpreis, München

    Arbeiten in Museen und öffentlichen Sammlungen

    Deutschland

    Bröhan Design Foundation, Berlin

    Kunstgewerbemuseum, Berlin

    Zeitgenössische Danner-Schmucksammlung,
    Dauerleihgabe an Die Neue Sammlung, The Design Museum, München

    Deutsches Klingenmuseum, Solingen

    Deutsches Goldschmiedehaus, Hanau

    Schmuckmuseum, Pforzheim

    Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg

    England

    Victoria and Albert Museum, Kensington, West London

    Frankreich

    Musée des Art décoratifs, Paris

    Kanada

    Musée des beaux-arts de Montréal

    USA

    Cooper Hewitt, Smithsonian Design Museum, New York, NY

    Mint Museum of Art, Charlotte, NC

    The Helen Williams Drutt Collection at the Museum of Fine Arts, Houston, TX

    Los Angeles County Museum of Art, Los Angeles, CA

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